Bin ich normal oder ist das schon komisch?

„Bin ich normal?“ – diese Frage hat sich vermutlich jeder schon einmal in irgendeiner Form gestellt, sei es bezüglich der eigenen Gedanken oder bestimmter Verhaltensweisen. So haben beispielsweise ca. 90% der Bevölkerung aus ihrer Sicht abstruse Gedanken, die sich ihnen immer wieder aufdrängen. Eine Freundin wandte sich einmal mit der Frage an uns, ob es krankhaft sei, dass sie sich immer wieder ungewollt vorstelle, wie sie sich ein Messer ins Auge steche. Ein Patient wiederum berichtete davon, dass ihm jedes Mal, wenn er auf der Autobahn unterwegs sei, das Bild in den Kopf komme, dass er gleich gegen die Leitplanke fahren könnte. Um eines gleich vorweg zu nehmen: Gedanken dieser Art haben wie alle hin und wieder und sie sind weder schädlich noch erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie umsetzen. 

Gebe ich die Frage, ob ich normal bin, einfach mal bei Google ein, öffnet sich gleich ein breites Angebot an Persönlichkeitstests der „Lisa“, „Brigitte“ oder „Freundin“, die höchstwahrscheinlich ein genauso präzises und aussagekräftiges Ergebnis für mich liefern, wie wenn ich versuche, die Antwort dazu aus dem Kaffeesatz von heute Morgen herauszulesen. Vielleicht sollten wir unsere Energie ab jetzt ausschließlich darauf verwenden, ein wissenschaftlich fundiertes Messinstrument zu entwickeln, mit dem sich diese Frage ein für alle Mal abschließend beantworten lässt. Aber nein danke, diese Aufgabe überlassen wir gerne wem anders. Viel Erfolg und Feuer frei! 

Was heißt eigentlich “normal”? 

Was genau bedeutet denn nun „normal“? „Normal“ bedeutet eigentlich nur, zur Norm zu gehören, d.h. mit der eigenen Person und allem, was dazu gehört, dem Durchschnitt der Bevölkerung zu entsprechen. Dies lässt sich beispielsweise am Aussehen, den persönlichen Einstellungen oder der individuellen Lebensweise festmachen. Wie gestalte ich meine Freizeit, wie sieht mein soziales Umfeld aus, welche Beziehung habe ich zu meiner Familie, wie sind die Reaktionen anderer Leute auf meine Person, welches Verhalten zeige ich gegenüber anderen, was sind meine Prioritäten im Leben? 

Von Eskimos und nackten Fesseln im Winter 

Die Norm oder der Durchschnitt ist allerdings nicht als feste Größe zu betrachten, sondern verschiebt sich mit den Jahren, möglicherweise parallel zum gesellschaftlichen Wandel oder dem aktuellen Zeitgeist. Auch kann es schon einen großen Unterschied machen, ob ich mich mit dem gemeinen Deutschen, einem Balinesen oder einem Eskimo vergleiche. War es vor gar nicht so langer Zeit noch verpönt bzw. mit Sicherheit „nicht normal“, homosexuell zu sein, wurde zum 1. Oktober 2017 die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt. Ein weniger brisantes Beispiel liefern Modetrends von heutigen Jugendlichen. Hätten unsere Mütter uns früher noch den Hintern dafür versohlt, wenn wir bei Temperaturen um den Gefrierpunkt so vor die Tür gegangen wären, bist du heute verdammt cool, wenn du im Winter mit dicker Felljacke, aber nackten Fesseln in Sneakers gesehen wirst. 

Ist es unnormal, wenn ich gerne den “Bachelor” schaue? 

Muss mir diese Frage überhaupt von Zeit zu Zeit selbst zu stellen und hat es nur Vorteile, „normal“ zu sein? Sicherlich nicht. Klar, es gibt ein verdammt großes Gefühl von Sicherheit, eine von vielen zu sein, sich an anderen orientieren zu können und keine Angriffsfläche für Ausgrenzung oder Missbilligung zu bieten. Auch kann es ein Gefühl von Vertrauen und Ruhe schaffen, dem Durchschnitt anzugehören. Ihr ahnt es schon … Jetzt kommt der von unseren Eltern so gerne verwendete Satz: Was wäre die Welt nicht langweilig, wenn wir alle gleich wären. Über wen sollte man dann noch lästern oder insgeheim den Kopf schütteln? 😉 Wo würden wir die Inspiration herkriegen, mal etwas Neues auszuprobieren und uns weiterzuentwickeln? Wie trist wäre das Leben ohne Artenvielfalt? Wie langweilig das Fernsehprogramm, wenn es nur die Tagesschau und nicht auch den „Bachelor“ geben würde?  

Letztlich geht es also gar nicht um die Frage, ob ich normal bin, sondern darum, ob es mir gut damit geht, wie ich bin und ich mich damit wohlfühle. Wenn ich es zum Beispiel mit Überzeugung vertreten kann, die Aldi-Variante anstatt das Markenprodukt zu kaufen, dann kann ich die Frage für mich eindeutig mit Ja beantworten (und der gebildete Mensch heutzutage weiß dank Stern TV und Co. ja ohnehin, dass die Produkte alle aus derselben Fabrik stammen, nicht wahr?). 

Wann löse ich die Eintrittskarte in die Klapse? 

Nur weil ich normal bin, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass ich dann glücklich und gesund bin. Woran erkenne ich nun aber, dass ich ein wirkliches Problem habe und etwas verändern sollte? Das bringt uns zu einem kleinen Bonus, den wir für dich haben: 15 beispielhafte Kriterien, anhand derer du eine Einschätzung treffen kannst, ob es sich wieder von alleine regeln wird oder du dich doch besser in Behandlung begibst. 

  1. Du fehlst immer häufiger auf der Arbeit oder in der Schule 
  2. Du stellst zunehmend deine Hobbys ein oder das, was du gerne machst 
  3. Du meldest dich stetig weniger bei Familie oder Freunden 
  4. Du fühlst dich überfordert, wenn andere Kontakt zu dir suchen oder etwas von dir wollen 
  5. Du vernachlässigst dich (z.B. deine Körperhygiene) 
  6. Du leidest anhaltend unter deiner Gedanken- oder Gefühlswelt 
  7. Andere distanzieren sich von dir 
  8. Du verkrachst dich ständig mit allen möglichen Leuten, egal ob Partner, Chef oder der Frau an der Fleischtheke 
  9. Du nimmst ungewollt viel ab oder zu 
  10. Du schläfst nicht mehr gut und würdest tagsüber am liebsten nur noch auf der Couch liegen (was aber nicht an Schichtarbeit, den Wechseljahren oder ähnlichen Umständen liegt) 
  11. Du hast so große Ängste oder musst immer wieder bestimmte Dinge machen, dass du in deinem Alltag und deiner Lebensqualität eingeschränkt bist 
  12. Du siehst oder hörst Dinge, die andere nicht wahrnehmen 
  13. Du schädigst dich selbst durch zu viel Alkohol, Drogen, Ritzen oder ähnliches 
  14. Du hast das Gefühl, dass es nie wieder gut werden wird und keiner dir helfen kann 
  15. Du denkst öfter darüber nach, dass es besser wäre, wenn du nicht mehr da wärst 

Wenn du mehrere dieser Fragen eindeutig mit „ja“ beantworten kannst und das nicht erst seit gestern so ist, dann solltest du überlegen, dich zunächst einmal vertrauensvoll an deinen Hausarzt zu wenden oder dir anderweitig eine fundierte Einschätzung zu holen. Wie du, falls das notwendig sein sollte, einen Psychotherapeuten findest, beantworten wir in einem anderen Artikel. 

Fazit 

Nicht normal sein (d.h. nicht zum Durchschnitt gehören) muss kein Problem sein, denn Normalität sagt nichts darüber aus, wie es dir damit geht. Und das ist das Entscheidende. 


Liebe Leserin Solltest du dennoch an dir oder deinem Umgang mit anderen zweifeln, dann schau dich gerne weiter auf unserer Seite um – vielleicht findest du ja hilfreiche Impulse in dem ein oder anderen Artikel. Du kannst uns auch gerne einen Kommentar dazu hinterlassen. 

Weiterführende Links zum Beitrag:

Eine sehr übersichtliche und leicht verständliche Heranführung an das Thema Psychotherapie findet sich auf der Seite der Bundespsychotherapeutenkammer

Eine tolle Zusammenfassung des Themas für auf die Ohren liefern „Die Psychotanten“ in ihrem gleichnamigen Podcast (zu finden auf der zugehörigen Website, bei Spotify oder Google Podcast). Absolute Weiterempfehlung, eingängig und lehrreich!

 

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