Wie dich Angewohnheiten anderer weniger nerven

Fingernägelkauen, Nasebohren, Körpergeräusche jeder Art und Tonlage. Das sind wohl die Klassiker unter den lästigen Angewohnheiten, die einen bei anderen Menschen am meisten stören.

Die Antworten unserer Leserinnen und Leser auf die Frage, welche Eigenheiten sie bei anderen schnell auf die Palme bringen, gingen in eine ähnliche Richtung:

  • In der Öffentlichkeit so laut telefonieren, dass man sich fragt, warum überhaupt noch ein Gerät dafür benutzt wird. Bei der Lautstärke müsste das Gesagte auch über jede noch so weite Entfernung mühelos beim Empfänger ankommen. Diskretion wird sowieso völlig überbewertet.
  • Mit offenem, prall gefülltem Mund einen Monolog halten, als würde man für jedes einzelne Wort eine Bezahlung erhalten. Ist doch schön, wenn man den anderen wenigstens auf diese Art und Weise an seinem Mittagessen teilhaben lassen kann und ohnehin ist Multitasking doch in heutigen Zeiten eine vielfach erwünschte Kompetenz.
  • Seine Barthaare nach getaner Arbeit als Relikt im Waschbecken hinterlassen, das jeder nachfolgende Nutzer gerne noch einmal in voller Pracht bestaunen darf. Schließlich war die Rasur schon Arbeit genug und dann fühlt die Frau sich nicht ganz so schlecht, wenn sie ein Zahnpastarestchen hinterlässt.

Wir haben drei weitere Situationen ausgewählt, die wohl in keinem deutschen Durchschnittshaushalt fehlen dürfen oder die jede von euch aus mehr oder weniger eigener Erfahrung kennen dürfte:

  • Samstagnacht, 2:00 Uhr, ihr kommt beide ordentlich bezwitschert und dementsprechend müde von einer Party bei Freunden nach Hause. Obwohl ihr beide genau wisst, wie das Spielchen endet, möchte dein Freund unbedingt noch auf die Couch, um den Abend mit Fernsehen oder Spielekonsole „ausklingen“ zu lassen, er sei ja schließlich noch recht fit. Allem guten Zureden zum Trotz, er könne doch auch gleich mit ins Bett kommen, hörst du nach nicht mal einer Minute laute Schnarchgeräusche. Wecken zwecklos.
  • Nächster Morgen, du bist halbwegs munter aufgewacht, weil deine Blase dich aus dem Bett treibt. Schnell läufst du ins Bad und lässt dich auf den Sitz plumpsen, froh, es noch gerade rechtzeitig geschafft zu haben. Erleichtert greifst du nach links zum Klopapier, um wieder mal nur noch ein gähnend leeres graues Pappröllchen auf der Halterung vorzufinden. Du fragst dich, ob du das Röllchen in den Küchenschrank stellen sollst, damit es sich mit der leeren Kekspackung anfreunden kann, die dort ebenfalls nach ihrer Leerung konsequent hin zurückgestellt wurde und denkst dir dann, dass es in Zeiten von Corona-Hamsterkäufen vielleicht gar nicht so verkehrt ist, wenigstens noch die graue Rolle zu haben.
  • Großraumbüro, Viererschreibtisch, kurz vor 12:00 Uhr. Du sitzt an einem wahnsinnig wichtigen Projekt, mit dem du fast durch bist, welches du unbedingt bis zur Mittagspause fertig gestellt haben willst. Total im Flow hörst du plötzlich, wie deine übergewichtige Schreibtischnachbarin, die aus Gründen der Energieersparnis ihr Mittagessen lieber am Platz einnimmt, eine überdimensionale Spitzpaprika auspackt, die sie mit unüberhörbarer Geräuschkulisse genüsslich verspeist. Innerhalb kürzester Zeit kommen ungeheure Aggressionen und Gedanken in dir hoch. Inhalte ersparen wir an dieser Stelle lieber.

In der Anonymität des Internets ist es höchst amüsant, was man alles so in Foren findet, was Leute an ihren Mitmenschen nervig oder kaum auszuhalten finden. Dabei scheinen es interessanterweise hauptsächlich Frauen zu sein, die sich an Eigenheiten ihrer Partner stören und sich darüber hemmungslos im Internet auslassen. Würde man also gezielt Männer befragen, was sie an anderen lästig finden, würde man als Antwort vermutlich erhalten, dass die Frau immer so viel nörgelt  😉

In unserem neuen Artikel wollen wir dir für alle Eventualitäten Tipps an die Hand geben, wie du die vielen kleinen Makel deiner Mitmenschen besser aushalten oder zumindest so ertragen kannst, dass die Beziehung auch die fünfzigste leere Klopapierrolle überdauert.

„Ich darf so genervt sein. Ich habe Misophonie.“

Im Vergleich zu Eigenheiten, die die breite Mehrheit sofort beim ersten Mal höchst skurril und „unnormal“ finden würde (z.B. in Hausschlappen zum Arzt gehen), geht es uns um Angewohnheiten, die man vielleicht am Anfang noch gar nicht unbedingt als störend empfindet, die einen auf Dauer allerdings so zu nerven beginnen, dass man sich völlig darauf einschießt und es irgendwann kaum mehr ertragen kann. Das können belanglose Handlungen sein, die einen möglicherweise nur bei genau dieser einen Person stören oder die andere wiederum als gar nicht lästig bewerten. Z.B. die Art wie jemand sich die Nase putzt, auf seiner Tastatur tippt oder einen Schaumkuss isst. In der Mehrzahl der Fälle ist es gar nicht die Tätigkeit selbst, die so heftige Emotionen in einem auslöst. Explosiv wird es erst dadurch, dass man dem anderen böse Absicht oder Ignoranz unterstellt. Getreu dem Motto „Wenn ich dir wirklich wichtig wäre, dann würdest du es auch ändern“.

Zu unserem eigenen Erstaunen haben wir bei unserer Recherche zu diesem Artikel festgestellt, dass der „Hass auf Alltagsgeräusche“ (wörtliche Übersetzung für den wissenschaftlichen Begriff Misophonie) wie z.B. Essgeräusche, tropfender Wasserhahn oder Kugelschreiberklicken mittlerweile als eigene Erkrankung diskutiert wird. Ein Link zu einem Artikel aus dem Ärzteblatt, der sich mit der fraglich neurologischen Störung auseinandersetzt, findet sich am Ende dieses Beitrags.

6 Tipps für den cleveren Umgang mit lästigen Angewohnheiten

Wie der beste Umgang mit lästigen Angewohnheiten aussieht, hängt in erster Linie davon ab, um wen es sich handelt und wie eure Beziehung zueinander ist. Daran solltest du dich auch orientieren, wenn es um die Auswahl der geeigneten Herangehensweise geht.

  1. Nahestehende Person (z.B. Partner, Familienmitglied): Ist die Person dir wichtig oder ihr lebt zusammen, sprich es zunächst einmal an und bringe in Erfahrung, ob es dein Gegenüber vielleicht sogar selbst stört. Ist dies der Fall, könntest du beispielsweise deine Unterstützung anbieten und gemeinsam mit ihr nach Wegen suchen, wie sich das lästige Übel ablegen lässt. Nachfolgend regelmäßig bestärken anstatt kritisieren, für Erfolge abfeiern, ggf. durch kleine Aufmerksamkeiten motivieren. Auch lässt sich eine gemeinsame Challenge daraus machen, indem der andere im Gegenzug etwas benennen darf, was ihn stört und ihr euch battelt, wer sich konsequenter im Zaum hält. Hast du es angesprochen und dein Gegenüber sieht es nicht als Problem oder aber kriegt es nicht abgestellt, solltest du der Tatsache auf den Grund gehen, warum es dich überhaupt so stört. Schlussendlich kannst du dich  fragen, ob du es nicht einfach akzeptieren kannst, weil das vermeintliche Problem vom Mond betrachtet vielleicht doch nicht so riesig ist, gemessen an den ganzen liebenswerten Eigenschaften, die der andere mitbringt. Dann räumst du die Kekspackung eben selbst weg – verglichen mit dem Hunger der Welt zu tolerieren.
  2. Zweckbeziehung (z.B. Arbeitskollegin): Ist die Übeltäterin empathisch und halbwegs erreichbar, ist es einen Versuch wert, es unter Anwendung unserer Kommunikationstipps (siehe Punkt 4) anzusprechen. Oft reicht es schon aus, wenn die andere darüber Bescheid weiß, dass es dich stört, damit sie es ohne großen Aufwand abstellt. Viele Probleme lassen sich schnell lösen, wenn man offen darüber spricht. Argumentiere mit sachlichen Ich-Aussagen („Ich lasse mich leicht in meiner Konzentration stören“) anstatt mit persönlichen Du-Botschaften („Deine Art stört mich“). Hast du das Gefühl, der anderen mit einer offenen Kommunikation zu nahe zu treten oder bewertest diese als aussichtlos, übe dich in deiner eigenen Flexibilität, indem zu z.B. deine Mittagspause vorziehst, die Zeit für ein Telefonat nutzt oder ähnliches.
  3. Aus den Augen, aus dem Sinn (z.B. Sitznachbar in der U-Bahn): Wenn nicht absehbar ist, dass die Situation sich dem Ende zuneigt, ansprechen! Freundlich, sachlich, klar. Du wirst die Person mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wiedersehen, erweist vielleicht noch mehr Menschen einen Dienst oder tust dem anderen sogar einen Gefallen, weil er es selbst nicht merkt. Abgesehen davon bieten solche Begegnungen tolle Möglichkeiten, sich in sozialer Kompetenz zu üben. Und das hat bestimmt noch keinem geschadet.
  4. Art der Kommunikation: Knapp, humorvoll, positiv, auf das Wesentliche beschränkt. Keine regelmäßigen Ermahnungen, Wutausbrüche oder Verhaltensweisen, die einem das Prädikat „Mutter“ einbringen. Machst du nach außen hin kein großes Ding draus oder sprichst es mit einer Prise Sarkasmus an, besteht die Chance, dass der andere selbst etwas daran ändern möchte und es nicht alle paar Wochen in einem riesigen Krach endet, bis es sich gar nicht mehr thematisieren lässt. Dann bist du frustriert und der andere genervt von dir.
  5. Realistische Bewertung: In der Mehrzahl der Fälle ist davon auszugehen, dass der andere sein Verhalten nicht an den Tag legt, um dich zu ärgern, zu provozieren oder dir zu demonstrieren, wie gleichgültig du ihm bist. Hast du es nicht explizit thematisiert, ist sogar wahrscheinlich, dass die Person sich nicht mal bewusst ist, wie sehr sich jemand dadurch gestört fühlt. Von daher lasse die Kirche im Dorf, bewahre einen realistischen Blick und achte darauf, dich nicht unnötig in verqueren Interpretationen zu verlieren. Denn es ist nicht die Situation selbst, die die Emotion auslöst, sondern deine Bewertung.
  6. Trick gegen nervige Geräusche: Das Ausblenden lästiger Geräusche, das heißt ein gewisses selektives Gehör, lässt sich tatsächlich trainieren. Schalte dazu gleichzeitig den Fernseher und das Radio an und schließe die Augen. Konzentriere dich zuerst 30 Sekunden auf das, was du aus dem Fernseher hörst und wende deine Aufmerksamkeit für die nächsten 30 Sekunden dem Radio zu. Regelmäßig angewandt wirst du merken, wie es dir zunehmend besser gelingt, dich bewusst von lästigen Geräuschquellen abzuwenden und angenehmere Geräusche zu fokussieren. Auch kann es für die eigene Toleranz helfen, die Geräusche positiv umzubewerten, z.B. von „Das ständige Paprika-Geknacke treibt mich in den Wahnsinn“ hin zu „Immerhin isst sie gesund“.

Wer im Glashaus sitzt …

Bei keinem anderem Thema wie bei diesem ist wohl derart offensichtlich, wie sehr man selbst im Glashaus sitzt.

Von nervigen Angewohnheiten kann sich vermutlich niemand auf dieser Welt freisprechen und es ist gewiss, dass man selbst bestimmt genauso viele lästige Eigenheiten mitbringt, die irgendwen da draußen tierisch auf die Palme bringen. Menschliche Beziehungen und Interaktionen können richtig kompliziert sein, auch ohne dass es sich immer erklären lässt oder ein objektivierbarer Grund vorliegt.

Der Mensch ist komplex, individuell und alles andere als makellos, aber genau das macht zwischenmenschliche Beziehungen doch irgendwo auch so spannend. Vergiss also nie den Blick auf dich selbst, wenn du wieder im Begriff bist, zu einer Ermahnung anzusetzen.


Liebe Leserin – Drehen wir den Spieß an dieser Stelle also mal um: Was sind deine eigenen lästigsten Angewohnheiten, derer du dir vollkommen bewusst bist oder die dir gerne mal angekreidet werden? Wir freuen uns über einen selbstreflektierten und schonungslos offenen Kommentar 😉

Weiterführende Links zum Beitrag:

Wissenschaftliche fundierte Infos zum Thema Misophonie liefert das Ärzteblatt im Artikel „Misophonie: Wenn Alltagsgeräusche krank machen

Ein bewährter Klassiker mit vielen hilfreichen Tipps auch zum Thema Kommunikation und Gesprächsführung ist das Buch „Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden“ von Dale Carnegie

 

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Kommentare zum Beitrag

  1. Leider zupfe ich an meinen Haaren, sobald ich nervös bin oder mich konzentriere. Mich nervt es selber. Aber in dem Moment merke ich es nicht mal. 😉

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