Hilfe, meine Freundin hat kein Selbstbewusstsein!

„Stell‘ dir vor, ich habe gestern jemanden kennengelernt. Er ist zwar erst 20 und wohnt noch bei seinen Eltern, aber diesmal weiß ich, er ist der Richtige!“ Prinzipiell kein Problem, würde dieser Satz nicht aus dem Mund meiner Freundin Karin stammen, 41, ihres Zeichens Dauersingle und ständig auf der Suche nach der ganz großen Liebe. Karin ist prinzipiell ein super lieber Mensch und eine sehr wertgeschätzte Freundin, neigt aber zu Verhaltensweisen, die einen oft zu der Frage verleiten, ob sie jetzt den Verstand verloren hat oder ob man sie vor sich selbst schützen müsste.

Typ Karin lässt sich gerne mit allem ein, was nicht bei drei auf dem Baum ist und dem Niveau sind dabei nach unten keine Grenzen gesetzt. Ob der arbeitslose Christian, der noch bei Mutti wohnt, aber „ein ganz lieber Kerl“ ist oder Sven, der zwar ein Alkoholproblem hat, dass er „mit meiner Hilfe nun aber angehen will“. Dann war da noch Osas aus Simbabwe, der sie gleich heiraten wollte, der seit Neuestem aber regelmäßig nach Geld fragt, das er seiner kranken Mutter nach Afrika schicken möchte. Typ Karin zieht sich auch gerne mal an, als wäre sie 20 – „man ist ohnehin nur so alt wie man sich fühlt“.

Ein anderes Beispiel aus dem eigenen Bekanntenkreis ist Manuela, diesmal in unserem Alter, im Gegensatz zu Karin allerdings unglaublich introvertiert und unsicher. Manuela ist die Freundin, die Einladungen zu Geburtstagen oder ähnlichen Anlässen zwar bedenkenlos sofort annimmt, an solchen Abenden aber zur Belastung wird, weil sie ein Schattendasein fristet und man sie nicht einfach als „Selbstläuferin“ dazu setzen kann. Stattdessen hat man ständig Mühe und Not, sie in Gespräche einzubinden, für sie passende Themen zu finden und dafür zu sorgen, dass sie nicht völlig untergeht. Typ Manuela hatte noch nie einen Freund (was möglicherweise an dem Stoff-Teddy liegt, der mit ihr im Bett schläft) und neigt dazu, sich durch scheinbar unbedarfte Fragen selbst zu Unternehmungen einzuladen, wenn sie mitbekommt, dass andere etwas planen. Eine Wahl hat man als ihre Freundin jedoch nicht wirklich, wo doch allgemein bekannt ist, wie gekränkt Manuela sein wird, wenn man sie nicht fragt.

Auch bei diesem Thema hat eine Google-Suche mit den Suchbegriffen „Meine Freundin hat kein Selbstbewusstsein“ mal wieder gezeigt, dass es Millionen von Artikeln dazu gibt, was man selbst machen kann, wenn man kein Selbstbewusstsein hat. Wir haben jedoch nicht einen einzigen fachlich fundierten Eintrag (außerhalb von Selbsthilfe-Foren) gefunden, der diejenige im Fokus hat, die mit so jemandem befreundet ist und sich nicht mehr zu helfen weiß.

Wieder einmal eine Aufgabe für Miss Verständnis! Wir räumen heute damit auf, was den Umgang mit solchen Menschen so anstrengend macht, warum jemand so ein niedriges Selbstbewusstsein besitzt und was DU tun kannst, damit das Zusammensein mit solchen Leuten für dich nicht zur Belastung wird.

Selbstbewusstsein, Selbstwert, … ja was denn nun?

Selbstbewusstsein ist heute im Bereich Psychologie, Coaching und Persönlichkeitsentwicklung DAS Thema schlechthin und tatsächlich ein zentraler Faktor bei vielen psychischen Erkrankungen. Dabei müssten wir streng genommen bei den Beispielen von Karin und Manuela von niedrigem Selbstwertgefühl sprechen, anstatt von Selbstbewusstsein.

Im normalen Sprachgebrauch werden diese Begriffe häufig synonym verwendet, haben jedoch einen unterschiedlichen Fokus. Jemand mit einem niedrigen Selbstwert hat von sich selbst die Meinung, als Mensch mit seinen ihm eigenen Eigenschaften (Aussehen, Verhalten, Denkmuster, Gefühle, Einstellungen) weniger wert zu sein als andere. Eine Person mit geringem Selbstbewusstsein hat hingegen eine Haltung, die sich selbst nicht wirklich bejaht und auch von den eigenen Fähigkeiten und Qualitäten nicht sonderlich überzeugt ist. Von niedrigem Selbstvertrauen spricht man, wenn es an Vertrauen gegenüber der eigenen Kraft, den eigenen Fähigkeiten, gegenüber der Welt und den Mitmenschen mangelt.

Warum geringes Selbstbewusstsein bei anderen so nervig ist

Es besteht kein Zweifel daran, dass ein geringes Selbstwertgefühl für die Betroffene immer deutlich schlimmer ist, als für ihr Umfeld. Dennoch gibt es zahlreiche Gründe, warum solche Personen für ihre Mitmenschen enorm anstrengend sein können.

Zum einen sind Betroffene sehr auf Bestätigung von außen angewiesen und von dieser regelrecht abhängig, weil sie sich selbst wenig abgewinnen können. Aus diesem Grund neigen sie auch zu solch abstrusen Aktionen wie Karin, die zwar auf lange Sicht nur wenig am Kernproblem ändern, kurzfristig gesehen aber immer mal wieder Futter fürs Selbstwertgefühl liefern und deswegen so unheimlich reizvoll sind. Auch eine Karin weiß auf der Vernunftsebene eigentlich, wie unsinnig und peinlich sie sich verhält, das bisschen Bestätigung ist aber einfach sooo schön!

Die immer gleichen Fehler und die scheinbare Beratungsresistenz, die damit verbunden sind, machen ebenfalls einen Teil des Problems aus. Zudem sind Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl oftmals sehr kränkbar und sensibel, teilweise auch naiv, verklemmt oder ängstlich. Damit belasten sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Stimmung ihrer Mitmenschen, die in ihrer Gesellschaft eine bleierne Schwere verspüren. Solche Beziehungen spielen sich vielfach nicht auf Augenhöhe ab, sondern man befindet sich ständig in einer Art Helfer-Rolle, in der man an die Hand nehmen muss und sich für das Glück des anderen verantwortlich fühlt.

Ist mal wieder die schlechte Kindheit schuld?

Gründe für geringes Selbstwertgefühl gibt es wie Sand am Meer und das Thema ist so komplex, dass sich die Frage nicht restlos beantworten lässt. Sonst wäre es vermutlich auch damit getan, dass man als Betroffener einen Instagram-Account mit Kalenderweisheiten à la „Alles wird gut, du musst nur dran glauben“ abonniert oder eines der unzähligen Selbsthilfebücher am Markt liest.

Stattdessen sind jedoch häufig jahrelange Psychotherapie oder konsequente eigene Bemühungen in Sachen Persönlichkeitsarbeit nötig, um nachhaltig Selbstbewusstsein aufzubauen. Die Ursache ist zwar in der Regel ein Zusammenspiel aus vielen Bedingungen, ein wesentlicher Faktor liegt aber wieder in den Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen, die in Kindheit und Jugend gesammelt wurden. Wurden wesentliche menschliche Grundbedürfnisse (z.B. Anerkennung, Aufmerksamkeit, Interesse, Wichtigkeit) nur unzureichend erfüllt, bilden sich ungünstige Grundüberzeugungen über die eigene Person, andere Menschen und die Welt im Allgemeinen heraus (z.B. „Ich bin nicht liebenswert“, „Ich kann nichts“, „Anderen kann man nicht vertrauen“). Diese führen wiederum zu Verhaltensweisen, die zwar im Einklang mit den Überzeugungen stehen, bei anderen jedoch Reaktionen provozieren, die das eigene Selbstbild bestätigen (z.B. im Hintergrund bleiben und nichts von sich preisgeben, wodurch man untergeht und sich tatsächlich uninteressant macht).

Somit wurde die perfekte selbsterfüllende Prophezeiung erschaffen. Ein bis zwei unschöne Erlebnisse im Erwachsenenalter reichen als Grund somit nicht aus, damit ein niedriges Selbstwertgefühl entsteht. Das Fell muss ohnehin schon dünn sein und entsprechende Vorerfahrungen vorliegen.

5 Tipps für den cleveren Umgang mit Menschen, die wenig Selbstbewusstsein haben

Jetzt, wo wir leider schon mit dem Irrglauben aufgeräumt haben, dass das Verschenken eines „Alles-wird-gut“-Selbsthilfebuches es vermutlich nicht richten wird, wollen wir euch aber 5 Tipps an die Hand geben, mit denen ihr das Problem sinnvoll angehen könnt.

  • Schuster bleib‘ bei deinen Leisten. Auch wenn man arg dazu verleitet wird, sich hier als Hobby-Psychotherapeutin zu betätigen, solltest du dich auf die Rolle beschränken, die für beide Seiten am besten ist: eine gute Freundin, mit der man Freundinnen-Sachen macht. Es ist weder deine Aufgabe, das Selbstwertproblem deiner Freundin zu lösen noch wärst du allein dazu in der Lage. Wenn eure Beziehung es tragen kann, dann kannst du ihr höchstens die selbsterfüllenden Prophezeiungen aufzeigen, die sie sich selbst schafft, damit wäre dein Job dann aber getan. Eure Freundschaft an sich genommen ist schon ein wertvoller Baustein für einen guten Selbstwert.
  • Ehrlich und authentisch bleiben. Gib deiner Freundin das, was sie sich emotional wünscht, wenn es von Herzen kommt und du dabei authentisch bist. In einer guten Freundschaft sollten Interesse, Wertschätzung und Verlässlichkeit selbstverständlich und somit keine Maßnahme besonderer Anstrengung sein. Wenn sie dich mit ihren Themen zu sehr nervt und du das Gefühl hast, sie wird ja doch nicht auf dich hören, sei lieber ehrlich und direkt. Deine Freundin hat über kurz oder lang mehr davon, dass du dennoch an ihrer Seite stehst und es nicht irgendwann soweit ist, dass du sie nicht mehr ertragen kannst. Mit Lästereien oder Distanzierung würdest du ihre Grundüberzeugungen eher noch bestätigen und das Problem verschlimmern.
  • Lass‘ sie machen. Solange sie sich mit ihren Aktionen nicht völlig schadet, ihr gesamtes Geld oder ihr Gesicht verliert, lass‘ sie machen und enthalte dich. Machst du ihr Thema zu deinem und ärgerst dich ständig darüber, dass sie deine Ratschläge letztlich doch nicht befolgt, gibt es am Ende zwei Unglückliche und nicht nur eine. In vielen Fällen platzt der Knoten irgendwann von alleine, die Freundin kann sich selbst nicht mehr ertragen oder hat etwas gefunden, was sie nachhaltig emotional erfüllt und ihr einen gewissen Auftrieb gibt. Auch hier ist Abgrenzung das A und O, bevor du jegliche Achtung vor ihr verloren hast. Beschränke dich lieber auf unbedenkliche Themen.
  • Selbstwert-Booster. Es gibt Aktivitäten, mit denen du dich zwar nicht therapeutisch betätigst, die aber damit assoziiert sind, sich positiv auf das Selbstbewusstsein auszuwirken. Dazu gehören Shopping-Touren, an deren Ende Tüten voller toller neuer Kleidungsstücke stehen, Wellness-Tage, nach denen man sich wieder frisch und glänzend fühlt oder sportliche Unternehmungen, mit denen man was für die Figur und die Ausdauer tut. Was sollte schließlich verwerflich daran sein, nicht nur der Freundin, sondern auch dem eigenen Selbstwert was Gutes zu tun? 😇
  • In Vorkasse gehen. Willst du das Problem dennoch thematisieren, hat es sich als sinnvolle Strategie erwiesen, wenn du von vermeintlichen eigenen Erfahrungen oder einer „nicht näher bezeichneten Freundin“ erzählst. Mit einleitenden Sätzen wie „Ich war auch mal so drauf und habe dann erkannt, was mein Problem ist …“ oder „Ich habe eine Freundin, die war dir total ähnlich und das lag an XY …“ lassen sich viele noch so sensible Themen ansprechen, ohne dass man sich einen abbrechen müsste und erst drei Tage die richtigen Worte zusammensucht. Sich verstanden zu fühlen, kann viele Dämme brechen und der erste Schritt für wichtige Veränderungen sein. Vielleicht ergibt sich im Gespräch dann ja auch die Gelegenheit, auf einen Coach oder Psychotherapeuten zu verweisen.

You go, girl!

Auch wenn Freundinnen mit einer Selbstwertproblematik echt anstrengend sein können und es einen manchmal schier an den Rande der Verzweiflung bringen kann, dass sie einfach nicht verstehen wollen, dass sie tolle Menschen und jegliche Selbstzweifel völlig unnötig sind – hab’ Geduld. Mangelndes Selbstbewusstsein ist eine hoch komplexe Sache und weder mit drei netten Komplimenten noch mit dem Lesen eines fröhlichen Ratgebers zu beheben. Allerdings ist es auch nicht aussichtlos oder eine Raketenwissenschaft, es braucht nur eben viel disziplinierte Arbeit und Durchhaltevermögen auf beiden Seiten.

Wenn du also merkst, dass deine Freundin ihr Problem schon erkannt und ihre persönliche Challenge angenommen hat, ist es oft schon mehr als genug, sie einfach nur von Zeit zu Zeit anzufeuern und für ihren Kampfgeist zu feiern. Wie Freundinnen das eben machen 😊


Liebe Leserin – Was erlebst du im Umgang mit solchen Menschen als größte Herausforderung? Wir freuen uns über deine Erfahrungen in den Kommentaren.

Weiterführende Links zum Beitrag:

Für diejenigen unter euch, die dennoch guten Gewissens ein Selbsthilfebuch verschenken möchten, empfehlen wir „Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme“ und „Leben kann auch einfach sein: So stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl“ von Stefanie Stahl. Wegen ihrer sehr guten Lesbarkeit und den vielen Praxistipps seit Jahren die Lieblingsbücher unserer Klient/innen. Prinzipiell aber auch eine sehr gute Lektüre für diejenige, die einfach nur sich selbst oder die Freundin besser verstehen möchte.

 

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