Warum deine Freundin sich ständig gemobbt fühlt

Wer kennt sie nicht: Diese eine Person aus deinem Freundes- oder Bekanntenkreis, deiner Verwandtschaft oder unter deinen Kollegen, die sich ständig von aller Welt gemobbt fühlt. Mag man ihrer Aussage glauben scheint sie DAS Opfer schlechthin zu sein. Noch besser wird es, wenn diejenige dann auch noch mitteilt, wegen der harten Zeiten, die sie durchgemacht habe, demnächst mal „in Kur“ fahren zu müssen (Leute, hört auf dieses Wort zu verwenden! Unsere Ommas sind vielleicht noch in Kur gefahren. Im 21. Jahrhundert heißt das Reha). Und seien wir mal ehrlich, wer hat sich nicht selbst schon des Öfteren dabei ertappt, im Kontakt mit dieser Person tierisch genervt zu sein von den immer gleichen Opfer-Storys. Wahrscheinlich haben sich auch stetig lauter werdende Zweifel daruntergemischt, ob das denn wirklich alles so der Realität entspricht oder nicht eher einer lebhaften Fantasie entspringt. Auch wir haben in unserem beruflichen Kontext die Erfahrung gemacht, dass bei einem hohem Prozentsatz unserer Patienten bereits im ersten Gesprächskontakt das Wort “Mobbing” fällt und wir gleich geneigt sind zu denken „Ja klar, die Nächste, die angeblich gemobbt wurde“ (was übrigens auch für Wörter wie „Depression“ oder „Trauma“ gilt, die unserer Ansicht nach heutzutage inflationär verwendet werden – aber das steht auf einem anderen Blatt bzw. in einem anderen Artikel geschrieben). Häufig entsteht sogar der Eindruck, dass Person XY ihre Mobbingopfer-Rolle auf dem Silbertablett präsentiert, um Aufmerksamkeit zu erregen, was auch erklärt, warum man schnell dazu neigt, es anzuzweifeln.  In anderen Momenten wiederum fühlt man sich vielleicht hilflos oder ist einfach nur noch genervt und möchte davon am liebsten gar nichts mehr hören.

Was Mobbing-Opfer so anstrengend macht

Mobbing-Opfer sind meist schnell kränkbar und fassen eigentlich banale Situationen gegen sich auf. Da sie im Geiste viel um sich selbst kreisen, gehen sie automatisch davon aus, dass andere das auch tun. Sie fühlen sich deshalb rasch angesprochen fühlen oder haben den Eindruck, dass es gerade mal wieder um sie geht. Wir selbst wiederum sind schnell von ihnen genervt, weil sie generell sehr empfindlich sind und man ständig Gefahr laufen könnte, dem anderen jetzt wieder auf den Schlips zu treten. Hinzu kommt vielleicht sogar Ärger darüber, dass die andere ja gar nicht wahrzunehmen scheint, dass sie selbst etwas dazu beiträgt und einem nun zum gefühlt 100. Mal erzählt, wie schlimm doch die Arbeitskollegen sind und wie unfair die Welt ist. Alles kreist augenscheinlich nur um das eigene Leid und schuld sind ohnehin immer die anderen. Gähn. Erzähl mir was Neues.  

Einbildung oder heutzutage Normalität? 

Laut einer PISA-Studie der OECD von 2015 wird in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von körperlicher oder psychischer Misshandlung durch Mitschüler. Fast jeder zehnte deutsche Schüler in diesem Alter beklagt, immer wieder Ziel von Spott und Lästereien zu sein. Bei den Erwachsenen findet sich ein ähnliches Bild: Die Arbeitergewerkschaft ver.di schätzt, dass circa 1,8 Millionen Erwerbstätige in Deutschland gemobbt werden. Einer anderen Studie zufolge sind rund 60% der Erwachsenen von Mobbing im wahren Leben oder im Internet betroffen. Ist es nun also tatsächlich so, dass deine Freundin/Bekannte/Verwandte/Kollegin gemobbt wird? 

Wird meine Freundin nicht vielleicht auch zurecht gemobbt? 

Sicher ist, dass viele Menschen in ihrer Kindheit und Jugend auf zwischenmenschlicher Ebene unschöne Erfahrungen machen mussten, die oftmals in der eigenen Familie ihren Anfang nahmen. So liefen die Kinder vielleicht nebenher, weil die Aufmerksamkeit der Eltern durch andere Dinge beansprucht waren, man hat bereits früh viel Zeit alleine verbringen müssen, Lob und Anerkennung gab es nur gegen Leistung und Zuwendung war auch eher rar gesät. Wie sich jeder auch ohne langwieriges Psychologie-Studium vorstellen kann, trägt dies nicht wirklich dazu bei, dass man sich selbst als den hammermäßigen Überflieger empfindet, auf den die Welt da draußen gerade noch so gewartet hat. Da es sich hier aber um menschliche Grundbedürfnisse handelt, sucht der Mensch sich nun andere Wege, wie er diese befriedigt bekommt. Dies führt häufig dazu, dass man sich ungünstige Verhaltensweisen aneignet, die den erhofften Zweck zwar erfüllen, in der freien Wildbahn aber Stirnrunzeln oder genervte Blicke hervorrufen können (von totaler Zurückhaltung bis zu völliger Auffälligkeit). Nicht verwunderlich also, dass man damit bei Gleichaltrigen nicht so gut ankommt und tatsächlich ausgegrenzt oder gemobbt wird. Der Gemobbte wiederum sieht sich in seinem Bild bestätigt, nicht besonders wertvoll und immer das Opfer zu sein (Konsistenztheorie und so – für alle, die im nächsten Gespräch gerne mal mit einem Fachbegriff posen wollen). Betrachtet man es also streng, könnte man nun womöglich soweit gehen, zu sagen, dass die Person selbst dazu beiträgt, in diese Schiene zu geraten, weil sie sich auch höchst schräg verhält. Wichtig ist hier die Unterscheidung, dass derjenige nichts dafür kann, dass das Problem entstanden ist, wohl aber der Einzige ist, der etwas dafür tun kann, dass es sich ändert.  Die Verantwortung liegt somit nicht in erster Linie bei den anderen, sondern in einem selbst, sich neue Denk- und Verhaltensmuster anzueignen. 

Und nu? 5 Tipps, wie du sinnvoll mit Mobbing-Opfern umgehst 

Soweit die Theorie. Wie kannst du nun aber sinnvoll mit derjenigen umgehen oder zumindest dafür sorgen, dass du nicht mehr so genervt von dem Thema bist? 

  1. Zunächst einmal ernstnehmen! Ansonsten wird es unter Garantie schlimmer und du stehst bald auch auf der Liste derer, die vermeintlich mobben 😬 Merkt die andere, dass du das ganze anzweifelst, wird die Kränkung nur noch größer und es muss noch mehr „geboten“ werden, um den „Ernst der Lage“ klarzumachen. 
  2. Paradox reagieren: Auch wenn einem eigentlich danach wäre, der Freundin mal in deutlichen Worten klar zu machen, was man von der Nummer hält, ist die gegenteilige Reaktion in diesem Fall vermutlich die beste. Damit fütterst du sinnbildlich das Bedürfnis, was hinter dem Ganzen steckt, nämlich gesehen, gehört oder wertgeschätzt zu werden. Bestenfalls ist das Thema dann zumindest für den Moment schneller beendet. Andernfalls ist der nächste hysterische Ausbruch schon vorprogrammiert. 
  3. Freundliches und wertschätzendes Feedback geben: Wenn du den Eindruck hast, der andere ist offen dafür, rege dazu an, den eigenen gedanklichen Dunstkreis zu verlassen und sich mal in die Lage von Arbeitskollegen, Familie und Co. zu versetzen (diplomatisch ausgedrückt: „Was meinst du, wie es für die so ist?“. Unsere wahren Gedanken à la „Was meinst du, wie es denen mit deinem nervigen Gehabe geht?“ sparen wir uns an dieser Stelle lieber). Wahlweise kann man auch darauf hinweisen, dass es nun trotz mehrfachen Arbeitsplatzwechsels schon wieder dazu gekommen ist, dass man an die gemeinsten Kollegen der Welt geraten ist und es möglicherweise doch nicht mehr nur mit eigenem Pech zu erklären ist. Wenn eure Beziehung richtig gut ist, kannst du auch ehrlich (jedoch verdaulich verpackt) sagen, wie es dir selbst damit geht, dass dieses Mobbing-Ding ständig Thema ist. 
  4. Zwischenmenschliche Konsequenzen aufzeigen: Unabhängig davon, wer nun mobbt, wer dafür verantwortlich ist oder wie auch immer – manchmal hilft es schon, wenn der andere realisiert, was für ihn auf dem Spiel steht. Der Ruf, eine beleidigte Leberwurst, zwischenmenschlich nicht kompatibel oder totaaaal anstrengend zu sein. Möglicherweise motiviert die Wahrnehmung dieser Risiken dazu, die passive Opferrolle hinter sich zu lassen und pro-aktiv etwas zu verändern.  
  5. Auf neutrale Unterstützung verweisen: Wenn sich zeigt, dass das Problem doch hartnäckiger ist, als bislang angenommen, dann bleibt immer noch der Rat, sich einen neutralen Unterstützer in Form eines Coaches oder Psychotherapeuten an die Seite zu holen (in der Hoffnung, der übernimmt dann den leidigen Job, meiner Freundin zu sagen, dass es an ihr liegt 😉) 

Falls es doch nicht an der blühenden Fantasie liegt … 

Natürlich kann es aber auch sein, dass deine Freundin tatsächlich gemobbt wird und zwischenmenschlich gerade eine harte Zeit durchmacht. Als kleinen Bonus haben wir deswegen für dich noch einige Tipps, wie du in diesem Fall sinnvoll helfen kannst: 

  • Die Probleme nicht bagatellisieren 
  • Zuhören, Loyalität und Beistand signalisieren 
  • Handlungsmöglichkeiten aufzeigen (bspw. Arbeitsplatzwechsel) 
  • Gemeinsame Freizeitaktivitäten anregen und für Ablenkung sorgen 
  • Pro-aktives Vorgehen oder Schlagfertigkeit einüben, z.B. im Rollenspiel 
  • Die Mobbingsituation durch Nachfragen (wer, wann, was) analysieren 
  • Keine weiteren Schritte ohne das Okay des ›Opfers‹ einleiten

Eine Anmerkung wollen wir uns noch erlauben, die man bei allem nicht vergessen sollte: Egal, wie sehr du unter der vermeintlichen Mobbing-Angelegenheit deiner Freundin leidest, sie selbst leidet immer mehr. Manchmal reicht es schon aus, sich das nochmal bewusst zu machen. 


Liebe Leserin  Falls du auch diese eine Person in deinem Bekanntenkreis hast, wie gehst du mit ihr um oder hast solche Situationen in der Vergangenheit geregelt? Hinterlasse uns deine Erfahrungen zum Thema gerne in einem Kommentar. 

Weiterführende Links zum Beitrag:

Der ganze Artikel zur Pisa-Studie der OECD von 2015 findet sich auf der Seite der Tagesschau

Als Buchtipp zum Thema Schlagfertigkeit empfehlen wir „Die etwas intelligentere Art, sich gegen dumme Sprüche zu wehren: Selbstverteidigung mit Worten – Mit Trainingsprogramm“ von Barbara Berkhan

Eine Buchempfehlung zur Verbesserung des eigenen Auftretens, der Kommunikation und Interaktionsgestaltung ist der Klassiker „Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden“ von Dale Carnegie

Eine tolle Zusammenfassung zu Mobbing unter einem psychotherapeutischen Blick liefern „Die Psychotanten“ in ihrem gleichnamigen Podcast (zu finden auf der zugehörigen Website, bei Spotify oder Google Podcast). Absolute Weiterempfehlung, spannend und lehrreich!

 

Sei die Erste, die diesen Beitrag teilt!

Kommentare zum Beitrag

  1. Das Thema ist sehr interessant, besonders, da man es aus einer anderen als der eigenen Perspektive lesen.
    Irgendwie höre ich jedoch eine leichte Kritik den Gemobbten im Text gegenüber, was wohl auch daran liegt, dass man mich früher öfters als beleidigte Leberwurst betitelt hat 😉
    Spass beiseite, sicher nehmen einige Personen die Opferrolle wohlwollend als vermeintlichen Egopush an, diesen Leuten kann man es tatsächlich schwer rechtmachen und sollte den Wunsch nach ständiger Aufmerksamkeit hinterfragen. Ein liebevoller Umgang mit sich selbst ist immer dem Wunsch nach Bewunderung anderer vorzuziehen.
    Doch gerade bei Menschen, die schon als Kind stark ausgegrenzt wurden, sollte man auch im Erwachsenenalter feinfühlig gegenüber treten. Solche Menschen wissen es oft nicht besser und möchten sicher auch andere Wege gehen als sich täglich Vorwürfe zu machen. Den Gegenüber zu nerven ist dogar eines ihrer grössten Ängste, weil es noch mehr Ablehnung bedeutet. Hier sollte man als Freundin geduldig und sensibel vorgehen – immer.
    Wem das zu anstrengend ist, für den gibt es sicher passendere Gesellschaft. Ansonsten ist es wichtig, dass beide Parteien aufeinander zugehen und stets mieinander über ihre Bedürfnisse reden.
    Humor und Einfühlungsvermögen sind, wie du schon erwähntest, sicher der angenehmste Weg! 😉
    Grüsse!

    • Hallo Lina,
      danke für deinen wertvollen Beitrag. 100% Zustimmung unsererseits! Durch unsere jahrelange berufliche Arbeit mit persönlichkeitsgestörten Menschen sind wir sehr geprägt von der besagten Opferrolle. Es gibt aber mitnichten noch etliche andere Gründe. Von daher danken wir dir für die andere Perspektive, die du nochmal mit reingebracht hast.
      Liebe Grüße von Kristina & Sophia

Hinterlasse einen Kommentar