Wie du distanzlose Menschen gekonnt auf Abstand hälst

Distanzlosigkeit hat viele Gesichter. Deswegen war es so gar nicht schwer, innerhalb kürzester Zeit etliche persönliche Beispiele zu diesem Thema zu finden. Auch wenn wir einen ganzen Artikel damit füllen könnten, dessen Unterhaltungswert bestimmt groß wäre, folgen zunächst einmal die Top 6 unserer persönlichen übergriffigsten Momente. Los geht’s! 

  • Platz 6: Für eine Vortragsveranstaltung in unserer Klinik hatten wir eine bekannte Rednerin gewinnen können, die ihr neues Buch von der Spiegel-Bestsellerliste vorstellen wollte. Auch wenn diese in Deutschland mittlerweile einen gewissen Namen hatte, mutete es schon etwas merkwürdig an, als sie plötzlich ungefragt an dem recht teuren Klavier im Raum saß und in die Tasten haute. Sowas darf nur Mariah Carey und auch die gilt damit als total daneben. 
  • Platz 5: In unserer Abteilung heuerte einmal ein im Nachhinein höchst kurioser Praktikant an, der nicht nur durch seine täglich identischen kurzen Hosen auffiel, sondern bereits nach wenigen Minuten ungeniert nach den persönlichen Gehältern fragte. 
  • Platz 4: Auch eine Platzierung verdient hat die Kundenhotline einer bekannten schwedischen Bekleidungskette, bei der man selbst jenseits der Wechseljahre wie selbstverständlich geduzt wird. 
  • Platz 3: Jeder, der als frischgebackene Mutter mal mit einem schreienden Kind in der Öffentlichkeit unterwegs war, weiß, welchen Stress diese Situation bei einem freisetzen kann. Umso unglaublicher die Menschen, die in diesen Momenten den „Mut“ (man kann den Begriff wahlweise auch mit „Dreistigkeit“ ersetzen) besitzen, die ohnehin von Müttern sehr geliebte Frage zu stellen „Hat der Kleine vielleicht Hunger?!“. Achja, da habe ich ja noch gar nicht dran gedacht. 
  • Platz 2: Immer wieder erstaunlich, wie viele Leute einem in der Schwangerschaft auf einmal ungefragt an den Bauch langen. Ich packe dir ja auch nicht an die Plauze und frage, ob’s gestern wieder zu gut geschmeckt hat. Deswegen geht der 2. Platz an die Kassiererin in unserer Kantine, die zielstrebig über die Kasse langte und fragte, was denn da eigentlich drin sei. 
  • Platz 1: Den ewigen Titel als „Miss Distanzlos“ hat die Cousine einer Freundin inne, die schon eine eigene Bestenliste mit ihren Übergriffen füllen könnte. Ganz vorne rangiert u.a. ihre unvergessene Aktion, als sie ihrer Verwandten wie selbstverständlich einen ganzen Satz neuer Sofakissen bestellt und im gleichen Zuge noch den Kranz an der Haustür ausgetauscht hat. 

„Mädchen, komm‘ mal bei mich bei!“ 

Wie du siehst, sind mit Distanzlosigkeit nicht nur unsittliche Berührungen oder Eingriffe in den persönlichen Raum gemeint. Distanzlosigkeit umfasst auch die Menschen, die uns zu nahetreten, zu privat werden, uns bedrängen oder sich in unsere Angelegenheiten einmischen. Das kann beispielsweise der ältere Kollege sein, der uns regelmäßig mit „Mädchen“ anspricht oder die Verwandte, die bei ihren Besuchen wie selbstverständlich alle Schränke aufmacht. Distanzlosigkeit ist außerdem eng verwandt mit Dreistigkeit.

Die Charakteristik einer Miss Distanzlos 

Woran genau erkennen wir nun eine distanzlose Person? Zunächst einmal an der Reaktion, die sie mit ihrem Verhalten bei uns auslösen. Dadurch, dass sie häufig in unsere Privatsphäre und unseren Kompetenzbereich eindringen und uns vielleicht sogar unsere Entscheidungsfähigkeit absprechen, fühlen wir uns überfahren und bevormundet. Da sie alles, was sie tun, als richtig ansehen, empfinden wir sie als ignorant und egozentrisch. Ihre Überzeugungen, Standpunkte und Verhaltensweisen sind aus ihrer Sicht die einzig wahren. Sie glauben, anderen helfen zu müssen und wahnsinnig hilfsbereit zu sein, fragen allerdings nicht nach, ob die Hilfe auch erwünscht ist. Bei Abweisung verwandelt sich ihre vermeintliche Freundlichkeit schnell in Vorwürfe und Verurteilungen („Du bist so undankbar, ich habe es doch nur gut gemeint“). Sie sprechen bevorzugt über andere, kreisen ansonsten aber hauptsächlich um sich. Die Perspektive des Gegenübers können sie nur schlecht einnehmen, haben zum Teil eine geringe Empathiefähigkeit. Zu ihren Kernkompetenzen zählen neben indiskreten Fragen auch unverschämte Kommentare oder ständige Ratschläge. 

Von schmatzenden Chinesen und kleinem Selbstbewusstsein 

Die Gründe für Distanzlosigkeit können mindestens so vielfältig wie ihre Gesichter sein. Oft steckt der Wunsch nach Zugehörigkeit dahinter, der in der Vergangenheit möglicherweise nur mangelhaft befriedigt wurde. Fehlt es durch schlechte Integration an Gelegenheiten, ausreichende Erfahrungen im Bereich Nähe/Distanz zu machen, kann es sein, dass die sozialen Kompetenzen im Erwachsenenalter nicht die besten sind. Neben schlechten Vorbildern in der eigenen Familie können zum Beispiel auch interkulturelle Unterschiede dahinterstecken, warum jemand sich vermeintlich distanzlos verhält (Hat beispielsweise mal jemand Chinesen in der Öffentlichkeit essen sehen? Kulturschock für jeden Europäer!!). Häufig haben solche Menschen ein kleines Selbstbewusstsein, wollen sich wichtig und bedeutsam fühlen, über ihr Verhalten soziale Bestätigung und Wertschätzung bekommen. Manchmal geht Distanzlosigkeit auch auf eine simple Fehleinschätzung der jeweiligen Situation zurück. 

10 Tipps, wie du clever mit distanzlosen Personen umgehst 

Wer hätte es gedacht, auch der Umgang mit solchen Menschen kann so unterschiedlich sein, wie ihr Erscheinungsbild. So braucht Tante Uschi vielleicht eine andere Herangehensweise als die Kassiererin in der Betriebskantine. Was bei Distanzlosigkeit jedoch wirklich immer hilft, ist die berühmte Armlänge Abstand (erfunden von Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker). Natürlich nicht, kleiner Spaß am Rande 😉 Im Folgenden liefern wir dir 10 Tipps, bei denen garantiert auch etwas für deine Problemkandidatin dabei ist. 

  1. Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Wichtigkeit von alleine erfüllen, ohne dass diejenige dafür ständig ihre „Aktiönchen“ auspacken muss. Bestenfalls verschwindet das Problemverhalten dann mit der Zeit von selbst. 
  2. Situationen mit Humor zur Sprache bringen, z.B. „Nächstes Mal schaue ich mir auch mal deine Unterhosen an“, wenn Tante Uschi wieder alle Schränke öffnet 
  3. Paradox intervenieren und zu noch mehr Distanzlosigkeit einladen, z.B. „Kannst du vielleicht auch noch die Wäsche machen, wenn du schon an den Schränken bist?“ 
  4. Offensiv ansprechen und den anderen damit ggf. in eine peinliche Situation bringen, die garantiert auch bei der ignorantesten Person hängen bleibt, z.B. „Ach, ich bin also Ihr Schätzchen?!“ 
  5. Offenlegen, wie es einem emotional damit geht. Vielleicht ist diejenige ja für die Kosten empfänglich, die ihr Verhalten zwischenmenschlich hat. Denn erhofft war vermutlich die gegenteilige Reaktion. 
  6. Eigene Bedürfnisse äußern und klare Regeln benennen, z.B. „Ich komme auf dich zu, wenn ich einen Rat brauche“ 
  7. Sich die guten Seiten zunutze machen, z.B. die oft große Hilfsbereitschaft und das Engagement. Tante Uschi beim nächsten Geburtstag im Vorfeld bitten, ob sie einen Kuchen machen kann, bevor sie unaufgefordert eine bilderbuchreife Buttercremetorte abliefert. 
  8. Prüfen, ob ich selbst dazu beitrage, dass die andere mir gegenüber distanzlos ist. Trage ich beispielsweise das Herz auf der Zunge oder bombardiere gerne mal mit einem Fragenkatalog? Dann versteht das Gegenüber es möglicherweise als Einladung, sich ähnlich zu verhalten. 
  9. Nicht diskutieren, stattdessen klare Ansagen machen. Diskussionen erhöhen nur die ohnehin hohe Kränkbarkeit und sind bei Menschen mit Empathie-Problemen ähnlich aussichtsreich, wie darauf zu hoffen, dass Donald Trump eines Tages mitfühlend und rücksichtsvoll wird. 
  10. Die eigene Unabhängigkeit bewahren. Die oben zitierte Buttercremetorte von Tante Uschi kann ich viel besser annehmen, wenn ich weiß, dass ich auf ihre Hilfe nicht angewiesen bin und die Vorbereitung für den Familienkaffee eigentlich auch alleine geschafft hätte. Bin ich jedoch von ihrer Unterstützung abhängig, fällt es natürlich deutlich schwerer, sich in Abgrenzung zu üben. 

Tante Uschi wirst du nicht mehr ändern 

Wie so oft ist es unwahrscheinlich, dass wir die andere ändern werden. Von daher beläuft es sich eher darauf, sich im Zuge solcher Auseinandersetzungen damit zu befassen, wo ich selbst empfänglich bin und möglicherweise Angriffsfläche biete. Könnte ich meine Schlagfertigkeit verbessern, sollte ich mehr Klarheit vermitteln oder selbst etwas distanzierter auftreten, um nichts Ungewolltes zu provozieren? Letztlich reicht es für den eigenen Seelenfrieden oft schon aus, sich bewusst zu machen, dass hinter einer distanzlosen Fassade oft ein wahnsinnig lieber Mensch mit wenig Selbstbewusstsein steckt, der auf sehr unbeholfene Art und Weise versucht, sich simple Grundbedürfnisse (Zugehörigkeit, Wertschätzung, Bedeutsamkeit) zu erfüllen. 


Liebe Leserin – Kennst du selbst eine Miss oder einen Mister Distanzlos? Wir brennen darauf, einen Kommentar zu deiner kuriosesten Story zu lesen!

Weiterführende Links zum Beitrag:

Ein bewährter Klassiker mit vielen hilfreichen Tipps auch zum Thema Kommunikation und Gesprächsführung ist das Buch „Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden“ von Dale Carnegie

Als Buchtipp zum Thema Schlagfertigkeit empfehlen wir „Die etwas intelligentere Art, sich gegen dumme Sprüche zu wehren: Selbstverteidigung mit Worten – Mit Trainingsprogramm“ von Barbara Berkhan

 

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Kommentare zum Beitrag

  1. Noch schlimmer als „den Babybauch antatschen“, ist es, kleinen Babys und Kindern ins Gesicht zu langen. Das finde ich nicht distanzlos, sondern übergriffig und zuweilen auch eklig. Wer weiß wann die Leute sich zuletzt die Hände gewaschen haben!? Leider hat meiner Erfahrung nach ein „Nicht anfassen!“ noch nie geholfen. Zum Zurück-Tatschen konnte ich mich noch nie überwinden. Das übersteigt meine Individualdistanz 😄

    • Da geben wir dir absolut Recht! Danke für die super Ergänzung, Susanne! 🙂 Für Distanzlosigkeiten gegenüber Müttern oder Schwangeren könnte man glatt einen eigenen Beitrag verfassen, die Liste ist schier unendlich. Sollten wir definitiv mal darüber nachdenken! 🙂

  2. Der Klassiker ist wohl als Single immer wieder gefragt zu werden warum man Single ist… Verheiratete werden ja auch nicht gefragt warum sie verheiratet sind…

  3. Eine sehr unangenehme Arbeitskollegin, die einen ungefragt über ihre eigenen Psychotherapieerfahrungen und Alkoholikerprobleme in der eigenen Familie zutextet und einen auszufragen versucht, warum man denn immer noch keine Kinder hat. („Hats denn vielleicht nicht geklappt, naaa?“)

    • Klingt furchtbar! 🙈 Und diese Frage dürften sooo viele kennen, gerne auch unmittelbar nach einer Hochzeit. Und wenn es nicht die ist, dann vielleicht, warum er dir immer noch keinen Antrag gemacht hat. Distanzlosigkeit in Reinform. Danke fürs Teilen! 🙂

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