Wie du effektiv und entspannt mit Unzuverlässigkeit umgehst

Dienstag Nachmittag, 16 Uhr. Du und deine gute Bekannte seid auf einen Kaffee verabredet. Tags zuvor hattet ihr festgestellt, dass ihr zufällig am nächsten Tag beide frei habt und deine Bekannte hat vorgeschlagen, dass ihr euch doch zwanglos für ein Stündchen zum Schnacken treffen könntet. Zuverlässig und vielleicht auch ein wenig zwanghaft, wie du bist, hast du beim Bäcker Kuchen geholt, pünktlich für vier eine Kanne Kaffee gekocht, den Tisch gedeckt und in einem die Osterdeko vom Speicher geholt, „sieht ja schließlich netter aus“.

Fünf nach vier, zehn nach, viertel nach vier … du trinkst die erste Tasse alleine und überlegst, ob du dich vielleicht im Tag vertan hast.

Halb fünf, fünf … du fragst dich, ob du langsam senil wirst und zweifelst an deinem Verstand.

Sechs Uhr … du bist völlig high von zu viel Kaffee und nimmst dir vor, dich nach der Überdosis Kuchen gleich morgen bei den Weight Watchers anzumelden (der Kuchen schmeckt ja frisch am allerbesten und außerdem wirft man nix weg und so 😇)

Einige Tage später meldet sich besagte Bekannte, erwähnt nicht mit einem Wort eure geplatzte Verabredung und merkt an, man müsse sich doch unbedingt mal wieder treffen. Glaubst du nicht? Wirklich passiert.

Diese kleine Anekdote hat vermutlich eher Seltenheitswert, aber es gibt etliche andere, die mit Sicherheit viele kennen werden und möglicherweise selbst schon einmal erlebt haben.

Hast du schon mal ein Gruppengeschenk organisiert und es ungefähr nach zwei Tagen bereut, weil du einzelnen Personen noch Wochen hinterherlaufen musstest, damit du endlich deine Kohle dafür bekommst, dass diese sich bequem ins gemachte Nest setzen durften? Immer wieder herrlich, dieses Gefühl von verkehrter Welt, wenn du nachher die bist, die sich total lästig und penibel vorkommt, weil sie wie das Fräulein vom Finanzamt immer wieder an die Zahlung erinnern muss.

Ein Sahnehäubchen bekommt die ganze Geschichte dann verpasst, wenn die andere mit solch grandiosen Vorschlägen um die Ecke kommt wie: „Ach komm‘, ich lade dich einfach auf einen Kaffee ein und dann ist gut, okay?“. Ja genau, dann muss es aber schon der Kaffee aus den Bohnen sein, die diesen berühmten Tierchen aus dem Hintern kommen 😉

Ständige Unpünktlichkeit, zur eigentlich verabredeten Uhrzeit noch gar nicht wieder zuhause sein, 100x in Folge sagen „Beim nächsten Mal bin ich auf jeden Fall dabei!“ – wir könnten die Aufzählung unendlich weiter fortführen. Unzuverlässigkeit hat viele Gesichter und steht in Zusammenhang mit verschiedensten anderen Begriffen: Oberflächlichkeit, Untreue, Disziplinlosigkeit, Wankelmut, Nachlässigkeit, Unentschlossenheit, Unverbindlichkeit, Gleichgültigkeit …

In diesem Artikel wollen wir nicht nur die Frage klären, ob Unzuverlässigkeit auf einen schlechten Charakter oder mangelnde Erziehung zurückgeht, sondern dir 5 Tipps an die Hand geben, wie du clever mit solchen Menschen umgehst, ohne dich selbst völlig zwanghaft zu fühlen oder darüber ins Leid zu fallen.

Sind mal wieder die Eltern Schuld?

Kann sein. Zumindest liegt eine häufige Ursache darin, dass unzuverlässige Menschen Vorbilder hatten, die selbst keine Zuverlässigkeit vorgelebt haben und somit keine entsprechenden Kompetenzen vermitteln konnten. Wie soll ich Zuverlässigkeit lernen, wenn ich selbst keine erfahren habe?

Auch kann Unzuverlässigkeit mit dem Problem einhergehen, sich nicht gut strukturieren zu können. Das passiert besonders dann, wenn es von außen wenig Vorgaben oder Konsequenzen gibt. Fehlende Struktur zeigt sich bei vielen Menschen z.B. so, dass sie es nicht auf die Kette kriegen, beim ersten Weckerklingeln aufzustehen und so lange die Snooze-Taste drücken, bis die Batterie leer ist. Andere nehmen keine regelmäßigen Mahlzeiten ein, weil sie keinen Wert darauflegen oder Zeitmanagement nicht ihre Kernkompetenz darstellt.

Eine solche Strukturlosigkeit, die häufig zu Unzuverlässigkeit führt, kann ebenfalls darauf zurückgehen, dass zuhause keine Struktur vermittelt wurde oder diese, aus welchen Gründen auch immer, nicht konsequent aufrechterhalten werden konnte. Kinder, die kaum Regeln oder Grenzen erfahren haben, haben ebenfalls später häufig Probleme, sich zu strukturieren und anderen gegenüber verbindlich zu sein. Frei nach dem Motto „Warum auch, hatte ja früher auch keine Nachteile!“.

Hat jemand schwerwiegendere Probleme auf Persönlichkeitsebene, zum Beispiel wegen Narzissmus oder einem Mangel an Vertrauen, dann kann Unzuverlässigkeit in seltenen Fällen auch schon mal ein (in der Regel unbewusster!) Versuch sein, Grenzen auszutesten, Macht auszuüben oder dem anderen seine Unterlegenheit vor Augen zu führen. Das wäre dann aber schon fast behandlungsbedürftiges Verhalten und dürfte im normalen Alltag eher die Ausnahme sein.

Genau wie unzuverlässiges Verhalten sich auf verschiedenste Weise äußern kann, so sind auch die Folgen sehr unterschiedlich. Menschliche Enttäuschung, Ärger und Selbstzweifel sind noch das eine, finanzielle Verluste oder beispielsweise technisches Versagen mit Todesfolge schon ganz andere Hausnummern.

5 Tipps, wie du clever mit unzuverlässigen Menschen umgehst

Wie der clevere Umgang mit Unzuverlässigkeit aussieht und welche Strategie für dich die richtige ist, hängt unter anderem davon ab, wie nah dir die Person steht und ob du die Beziehung auch nach der x-ten Aktion weiter beibehalten möchtest. Schau mal, welcher dieser Tipps für dich am besten passt.

  1. Nicht persönlich nehmen. Unzuverlässigkeit ist in aller Regel überdauerndes Verhalten, das nicht an bestimmte Personen gebunden ist und somit nichts mit dir persönlich zu tun hat. Also interpretiere es auch nicht fälschlicherweise so und steigere dich unnötig in Selbstzweifel oder Ärger hinein, weil du es als Affront gegen dich wertest. Andere werden sich auch damit herumschlagen müssen, außer, es hängt richtig was davon ab (z.B. der Job). Am Grundproblem wirst du somit nichts ändern können, wohl aber an deinem Umgang damit.
  2. Die andere kannst du nicht ändern, dich schon. Wie so häufig im Leben, ob in der freien Wildbahn oder aber auch in der Psychotherapie, gilt: Die andere kannst du nicht ändern, wohl aber dein eigenes Verhalten oder deine Haltung zu dem Problem. Von daher verschwende keine Energie damit, diejenige umerziehen oder ihr Defizit beheben zu wollen, sondern überlege dir, welche Möglichkeiten zu selbst hast, den Verlauf positiv zu beeinflussen und es dir einfacher zu machen. Fristen setzen, klare Regeln oder Strukturen vorgeben oder ganz konkret für das Beispiel Gruppengeschenk einen Stichtag benennen und die klare Ansage machen, dass nur die dabei sind, die bis dahin bezahlt haben.
  3. Es gut verdaulich ansprechen. Wir können es nicht oft genug sagen, Humor kann an sooo vielen Stellen im Leben DIE Strategie sein, um schwierige Themen gut bekömmlich anzusprechen, ohne dass man sich selbst einen abbrechen muss oder Gefahr läuft, die andere völlig zu verletzen. Wenn dein Miss Unzuverlässig also mal wieder ankündigt, „beim nächsten Mal unbedingt dabei zu sein, diesmal aber wirklich“, dann antworte ihr doch ruhig, dass vorher eher noch der neue Berliner Flughafen fertig gestellt sein wird 😉
  4. Mit Tricks arbeiten. Wenn es dich emotional wenig tangiert und es gar keine Frage darstellt, dass du mit der Person zukünftig weniger zu tun haben willst, dann kann es sich als hilfreich erweisen, mit kleinen Tricks zu arbeiten. Ist deine Freundin beispielsweise für ihre zuverlässige Unpünktlichkeit bekannt, dann könntest du dich das nächste Mal bewusst eine halbe Stunde früher mit ihr verabreden (wenn sie z.B. für 16:00 Uhr da sein soll, dann 15:30 Uhr vereinbaren) und ihre Unzuverlässigkeit bereits einplanen. Auch schafft es Entspannung, wenn man bereits einen Plan B in der Tasche hat und somit nicht unbedingt auf die andere angewiesen ist.
  5. Grenzen setzen. Bist du richtig genervt oder nur noch verärgert, dann ist es vermutlich am wirkungsvollsten, wenn du diejenige gar nicht mehr einplanst oder dich nur noch dann mit ihr verabredest, wenn eine sehr konkrete Anfrage von ihr kommt. Dass das Grundproblem besteht, hat nichts mit dir zu tun, wenn du es allerdings langfristig tolerierst, dann kannst du einen Anteil an deinem Ärger schon bei dir selbst suchen. Ausgenutzt werden ist das eine, sich ausnutzen lassen das andere (wie auch beim Mobbing). Sei also selbst konsequent und gehe als gutes Vorbild voran, manche Energieräuber müssen irgendwann vielleicht einfach aussortiert werden.

Aus einer Mücke muss nicht immer ein Elefant werden

Unzuverlässigkeit ist zweifelsohne eine lästige Sache und kann auch schon mal persönliche Nachteile mit sich bringen. Gleichzeitig handelt es sich dabei aber um eine Eigenschaft, die gleich sehr viel besser zu ertragen ist, wenn es einem gelingt, aus dem Problem, das jemand anderes hat, kein eigenes Problem zu machen und sich emotional davon zu distanzieren.

Außerdem gibt es wenige menschliche Charakterzüge, die sich im kleinen Rahmen mit so simplen Mitteln beheben lassen, ohne dass aus einer Mücke ein Elefant werden muss. Ist doch auch mal was! 🙂


Liebe Leserin – heute mal eine Frage zur Selbstreflektion: Aus welchen Gründen warst du schon mal unzuverlässig? Lass es uns in den Kommentaren wissen.

Weiterführende Links zum Beitrag:

Ein sehr lesenswerter Artikel, der das Thema mal von der anderen Seite betrachtet und dafür wirbt, warum Zuverlässigkeit eine echt wertvolle Kompetenz ist, findet sich hier

 

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