Wie du Narzissten besser verstehst und mit ihnen klarkommen lernst

Obwohl der Begriff Narzissmus mittlerweile Einzug in die Alltagssprache erhalten hat, ist er immer noch so sperrig, dass viele vermutlich gar nicht wissen, was genau sich dahinter verbirgt. Dabei sind wir uns sicher, dass die meisten unserer Leserinnen garantiert schon einmal mit einem Narzissten zu tun hatten und ihnen diese Menschen mit Sicherheit unangenehm im Gedächtnis geblieben sind.

Der Begriff entstammt ursprünglich einer alt-griechischen Sage, in der der Jüngling Narziss die Liebe einer Frau verschmäht und daraufhin mit unstillbarer Selbstliebe bestraft wird. Dennoch ist es nicht so, dass mit Narzissmus nur die absoluten Selbstdarsteller mit ausgeprägtem Hang zur Selbstbeweihräucherung gemeint sind. Narzissten können im Miteinander auch auf andere Art und Weise auffallen.

Wetten, dass dir zumindest eine der drei folgenden Formen schon mal selbst begegnet ist?

  • Die Leistungsbetonte: Egal in welchem Kontext du ihr begegnest, ob an der Supermarktkasse oder am Kindergartenflur, der kurze Smalltalk mit ihr verläuft grundsätzlich so, dass sie dir aufzählt, was sie auf der Arbeit alles leistet, an welchen Meetings sie aufgrund ihrer Wichtigkeit unbedingt teilnehmen muss und auf was sie in ihrer Freizeit alles verzichten muss, weil sie am Arbeitsplatz angesichts ihrer Position nicht abkömmlich ist. Ist dann noch Zeit übrig, erfährt man außerdem noch, zu welchen wichtigen Geschäftsreisen ans andere Ende der Welt sie entsandt wird und welche ihrer Mitarbeiter gerade so gar nicht in der Spur laufen. Würden wir Bullshit-Bingo spielen, würdest du mit Begriffen wie „wichtig“, „Business“, „Meeting“, „Management“ und „Dienstreise“ hier den Hauptgewinn ziehen. Manchmal triffst du solche Personen auch beim Arzt, weil sie drei Erkältungen aufgrund ihrer eigenen Bedeutsamkeit übergangen und dafür nun die Quittung bekommen haben. Was man sich ja (Zitat) eigentlich so gar nicht leisten kann. Seufz.
  • Der Selbstdarsteller: Der Selbstdarsteller ist an sich ein freundlicher und zumeist wohlwollender Zeitgenosse, allerdings in keinster Weise darum verlegen, in regelmäßigen Abständen seine eigene Genialität zu betonen oder zu demonstrieren. Der klassische Selbstdarsteller im Arbeitskontext lässt gerne – wann immer passend – durchblicken, was er alles auf dem Schirm und auf dem Kasten hat. Er wird nicht müde, seine Errungenschaften zu betonen und zu predigen, dass eigentlich alle seine Arbeitsweise anwenden müssten, schließlich wurde diese von Mr. Genius persönlich entwickelt. Er hört sich selbst gerne reden, ist extrovertiert und verfügt manchmal über ein exzentrisches Äußeres (männliche Version: z.B. höchst skurrile, aber in der Hauptsache auffällige Brillengestelle; weibliche Version: z.B. Kurzhaarfrisur mit einer „Ausrutscher“ schreienden bunten Strähne im Ponybereich). Gerne erwähnt er vermeintlich beiläufig seine neueste Anschaffung aus dem Hause Rolex oder Porsche.
  • Das Arschloch: Das Arschloch schafft es innerhalb kürzester Zeit, dir das Gefühl zu geben, dass deine Existenz auf diesem Planeten völlig überflüssig ist und du eigentlich nur denen die Luft wegatmest, die aufgrund ihrer Größenherrlichkeit eine wirkliche Daseinsberechtigung haben (sie selbst, versteht sich). Wendest du dich mit völlig unproblematischen Anliegen an sie, die quasi mit einem Fingerwisch erledigt wären, kann dies in einer Predigt münden, die voll von Entwertungen, handfesten Beleidigungen und jeder Menge Infos ist, die so gar nichts zur Sache tun, solange sie dir nochmal deinen eigenen Wert klar machen. Das Arschloch ist hochgradig kränkbar, kann jederzeit in die Luft gehen und gönnt einem nicht die Butter auf dem Brot. Mit zunehmendem Alter kann es vorkommen, dass diese Hardcore-Form des Narzissten zur Kompensation der schwindenden Jugend immer dickere Autos kaufen muss, die sich mit Pilotenbrille, Zahnstocher im Mund und nur einer Hand am Lenkrad besonders gut fahren lassen.

In unserem heutigen Artikel wollen wir dir näherbringen, was die Auseinandersetzung mit Narzissten so herausfordernd macht, welche Umstände einen solchen Menschen geformt haben und wie du clever mit diesem Persönlichkeits-Typen umgehst, ohne selbst unter die Räder zu kommen.

Da Männer von diesem Phänomen laut Statistik etwas häufiger betroffen sind (deswegen auch Begriffe wie „Schwanzvergleich“, „Hahnenkampf“ oder ähnliches), behalten wir uns für diesen Artikel vor, bewusst die männliche Form zu verwenden.

Explizit ausklammern möchten wir solche Narzissten, die anderen (z.B. ihren Partnern) schweres psychisches Leid zufügen. Diese gehören in Therapie und nicht in dein soziales Umfeld. Von solchen Menschen solltest du dich dringend lösen, ggf. mit Hilfe. Wir verweisen an dieser Stelle gerne auf unser Beratungsangebot.

„Lass das mal den Profi machen!“

Neben den bereits oben erwähnten Eigenschaften zeichnen sich Narzissten häufig dadurch aus, dass sie andere entwerten und sich selbst gnadenlos erhöhen.

Ihre Meinung ist die einzig wahre, ihre Lebensweise das Non-Plus-Ultra. Sie reißen in Gruppen gerne das Ruder an sich und müssen die Verantwortung übernehmen, geben ihre eigene innere Anspannung dabei in der Regel durch Druck auf die Mitmenschen weiter. Sie können übergriffig und distanzlos sein, sind sehr präsent und rollen in ihrer Umgebung gerne alles wie eine Walze platt. Zumeist brauchen sie viel Bewunderung und Aufmerksamkeit, was sie sich gerne durch ausgeprägtes „fishing for compliments“ einfordern.

Trotz ihrer Großartigkeit empfinden sie sich nicht selten als Opfer, reagieren beleidigt und nachtragend. Die Auseinandersetzung mit ihnen ist deswegen so anstrengend, weil sie das Gegenüber brauchen, um ihr unstillbares Verlangen nach Anerkennung zu befriedigen und dabei ohne Rücksicht auf Verluste agieren. Man fühlt sich neben ihnen oftmals klein und unbedeutend, muss sich viele verbale Unverschämtheiten gefallen lassen und schneidet in ihrem ständigen Leistungsvergleich immer als die Verliererin ab. Durch ihren eigenen Druck herrscht in ihrer Gegenwart meist eine hohe Anspannung.

 „Sie haben Glück. Ich bin für Ihren Job verfügbar.“

Leider müssen wir auch an dieser Stelle wieder das gängige Klischee bedienen, dass Narzissmus im Regelfall seinen Ursprung in Kindheit und Jugend hat.

Vielen Narzissten ist gemein, dass sie aus Elternhäusern stammen, wo Leistung und Fleiß oberste Priorität hatten. Liebe, Fürsorge, Lob und Aufmerksamkeit, was eigentlich selbstverständlich und nicht an Bedingungen gekoppelt sein sollte, gab es nur für überragende Leistungen. Eine Überzeugung bzw. Lernerfahrung, die sich so tief eingegraben hat, dass sie auch heute noch ausgelebt wird, obwohl die Umstände gänzlich andere sind und dazu eigentlich gar keine Notwendigkeit mehr besteht.

Die meisten Narzissten haben in der Beziehung zu ihren wichtigen Bezugspersonen ein Gefühl der Minderwertigkeit oder Ablehnung erfahren, was durch Selbsterhöhung oder Abwertung anderer kompensiert werden muss. In der Arbeit haben viele eine Möglichkeit gefunden, wie sie sich dauerhaft Anerkennung sichern und damit ihren Selbstwert stabilisieren können. Getreu dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ schützen Narzissten ihr Selbstbewusstsein dadurch, dass sie den vermeintlichen Gegner zuerst platt machen, dann kommt der andere gar nicht erst auf die dumme Idee, einen zu verletzen oder abzulehnen.

Sich authentisch und bedürftig zu zeigen stellt aus ihrer Sicht somit ein großes Risiko dar, das es mittels der passenden Überlebensstrategie zu vermindern gilt. Milde Formen des Narzissmus können auch dadurch entstehen, dass man für seinen Fleiß und gute Leistungen stets positives Feedback bekommen hat, sodass man davon immer mehr möchte und sich irgendwann vergaloppiert. Dies lässt sich oft jedoch schon mit einer kurzen Rückmeldung von außen eindämmen.

5 Tipps für den cleveren Umgang mit Narzissten

Auch wenn man auf den ersten Blick meinen könnte, dass die Strategie der Wahl im Aufbau von mehr Selbstbewusstsein und einer besseren Schlagfertigkeit liegt, setzt ein cleverer Umgang mit narzisstischen Menschen an anderen Stellschrauben an.

  • Nicht auf Schwanzvergleich einlassen. Wie oben beschrieben werden Narzissten ständig versuchen, dich in Hahnenkämpfe oder Vergleichsszenarien zu verwickeln, für die der Ausgang bekannt sein dürfte. Dies ist objektiv gesehen nicht nur sinnlos und kräftezehrend, sondern langfristig auch wenig gewinnbringend. Der Effekt verpufft für den Narzissten so schnell wie eine Wunderkerze, bis das aufkeimende Minderwertigkeitsgefühl mit dem nächsten Sparrings-Partner bekämpft werden muss. Von daher ist es in der Regel hilfreicher, Selbstbeweihräucherungsmonologe mit einem freundlichen Lächeln zu quittieren und einfach abzuwarten, bis sie vorüber sind.
  • Es nicht persönlich nehmen. Auch wenn Worte extrem weh tun können und die erste Reaktion so aussieht, dass man schwer gekränkt ist und dem anderen böse Absicht unterstellt, du bist an dieser Stelle nur das Bauernopfer. Es geht darum, irgendwen zu finden, der einem sein Bedürfnis erfüllt, die Person ist dabei gleichermaßen belanglos und austauschbar. Wenn du verinnerlichen lernst, dass der Narzisst in seiner Welt hauptsächlich um sich und seine Bedürfnisbefriedigung kreist, dann fällt es dir zunehmend leichter, gedanklich einen Schritt zurückzutreten und dich damit auch emotional abzugrenzen.
  • Bedürfnis füttern. Der Königsweg liegt – wie bei so vielen schwierigen Persönlichkeiten – darin, Verständnis für die psychologischen Hintergründe zu entwickeln und ihnen das zu geben, woran es tief in ihrem Inneren massiv mangelt: Anerkennung, Lob, Aufmerksamkeit. Ohne Aufforderung und immer dann, wenn sie sich gerade normal verhalten. Allerdings bloß keine plumpen Komplimente verteilen und dick auftragen, das spürt der andere sofort.
  • Klare Grenzen setzen. Narzissten neigen dazu, ihr Umfeld zu vereinnahmen, die Spielregeln zu bestimmen und einem subtil die eigene Autonomie zu entziehen. Hier ist wichtig, freundliche, aber bestimmte Grenzen zu setzen. So formuliert, dass der andere nicht die Beziehung oder seine Persönlichkeit als Ganzes in Frage gestellt sieht. Ich-Botschaften statt Du-Vorwürfe, erst kürzlich aufgetretene Beispielsituationen, keine Wörter wie „immer“ oder „nie“, klar abgrenzbare Verhaltensweisen, wertschätzend verpackt. Ignoranz oder Bloßstellung sind an dieser Stelle Gift, dann fühlt derjenige sich in seiner Minderwertigkeit bestätigt und muss noch eine Schippe drauflegen.
  • Keine Therapie empfehlen. Narzissten sind aus ihrer Sicht makellos und somit die letzten, die in Therapie gehören. Psychotherapie ist was für Loser, Weicheier oder Muttersöhnchen. Wenn du Narzissten also im Ärger vor den Latz knallst, dass nur noch eine Therapie helfen kann, dann triffst du sie an ihrem wundesten Punkt und hast es garantiert verbockt. Sei dir gewiss, schwer ausgeprägte Formen landen über kurz oder lang auch so in Therapie. Zwar nicht, weil sie sich wegen ihres selbsterkannten Narzissmus in eine solche begeben, aber weil sie darunter leiden, dass sich alle von ihnen abwenden oder sie ihren Job verlieren und darüber letztlich depressiv, suchtkrank oder anderweitig behandlungsbedürftig werden.

Narzisstische Züge gehören zu jeder gesunden Persönlichkeit

Auch wenn man nun meinen könnte, dass Narzissten die absoluten Unmenschen sind und unter ihresgleichen auf eine einsame Insel gehören – das Vorkommen richtig harter Formen, die eigentlich in Therapie gehören, liegt in der Allgemeinbevölkerung bei gerade mal ca. 1% .

Eine kleine narzisstische Ader haben hingegen viele von uns und diese erweist sich an vielen Stellen als äußerst hilfreiche Eigenschaft. Sich selbst gut verkaufen können, über ein gewisses Selbstbewusstsein verfügen, begeistern und unterhalten können – das sind Qualitäten, für die manch einer sogar eine Therapie aufnehmen würde, weil Selbstwertmangel und Minderwertigkeitskomplexe in heutigen Zeiten viel weiter verbreitet sind als handfester Narzissmus.

Darüber hinaus sollte man bei aller Anstrengung nicht vergessen, dass viele Menschen mit narzisstischer Persönlichkeit tatsächlich über ein großes Wissen verfügen, zahlreiche Kompetenzen mitbringen und sich eine ganze Menge selbst beigebracht oder erarbeitet haben. Letztlich ist es nur die Art und Weise, die es uns so schwer macht, ihnen dafür auch die eigentlich verdiente Anerkennung zu zollen. Und wie bei so vielem gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift 😊


Liebe Leserin – Erinnern dich unsere Beispiele an eigene Erfahrungen mit narzisstischen Menschen? Lass es uns in den Kommentaren wissen.

Weiterführende Links zum Beitrag:

Ein paar wissenschaftliche Daten und Fakten zum Thema Narzissmus findet sich auf den Seiten des Klaus-Grawe-Instituts

Wer dennoch an seiner eigenen Schlagfertigkeit arbeiten möchte, dem empfehlen wir das Buch „Die etwas intelligentere Art, sich gegen dumme Sprüche zu wehren: Selbstverteidigung mit Worten – Mit Trainingsprogramm“ von Barbara Berkhan

Ein bewährter Klassiker mit vielen hilfreichen Tipps auch zum Thema Kommunikation und Gesprächsführung ist das Buch „Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden“ von Dale Carnegie

Eine tolle Podcast-Folge zum Thema Narzissmus liefern „Die Psychotanten“ in ihrem gleichnamigen Podcast (zu finden auf der zugehörigen Website, bei Spotify oder Google Podcast). Absolute Weiterempfehlung, wertvolles Wissen spannend aufbereitet!

 

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Kommentare zum Beitrag

  1. Ich freue mich jedes Mal über Eure Beiträge, weil ich so lerne, mit „schwierigen“ Charakteren umzugehen. Das Ausprobieren von den neuen Strategien hat bislang auch fast immer funktioniert. 🙂 Jetzt fühle ich mich nicht mehr „ausgeliefert“. 😉

    • Ein richtiger Fan, wie schön! 🙂 Wir freuen uns über so viel nettes und positives Feedback. Toll, dass wir dir schon bei der ein oder anderen Situation helfen konnten!

  2. Danke, sehr gut beschrieben. Ich hatte schon mit mehreren zu tun. Die letzte Beziehung war ein schwerer Fall, ich war nur noch ein ängstliches etwas und es ist tatsächlich so, dass er nun depressiv ist, arbeitslos und mit Alkohol spielt. Es heißt sich von ihm zu lösen 😢.

    • Danke für dein positives Feedback, Gaby, und schön, dass du dich darin wiederfindest 🙂 Schade allerdings, dass du es aus eigener Erfahrung kennst. Aber es hat dich bestimmt an Erfahrung reicher gemacht und beim nächsten Mal kannst du die Zeichen ganz anders deuten.

  3. Bei meinem Versuch ein paar familiäre Dinge zu verstehen bin ich auf dieser Seite gelandet. Darüber freue ich mich gerade sehr.

    Oben stand:
    „(…)Anerkennung, Lob, Aufmerksamkeit. Ohne Aufforderung und immer dann, wenn sie sich gerade normal verhalten.(…)“

    Wahnsinn, dass kenne ich exakt so aus der Hundeerziehung. Das und noch andere Methoden funktionieren ganz wunderbar bei Menschen, wenn man nicht zu plump vorgeht. 😉

    Vielen Dank für die vielen sehr interessanten und erhellenden Beiträge. Das gibt mir das Gefühl nicht die einzige Person mit Psychovampiren in ihrem Umfeld zu sein.

    • Liebe Claudia, wir bedanken uns ganz herzlich über dein tolles Feedback, über das wir uns wirklich riesig gefreut haben! Schön, dass wir dir mit unseren Beiträgen weiterhelfen konnten und du daraus etwas mitgenommen hast. An oberster Stelle die Erkenntnis, dass es sich dabei um ganz weit verbreitete Phänomene handelt und du nicht die Einzige bist, die manchmal solche zwischenmenschlichen Herausforderungen zu meistern hat. Lass uns gerne demnächst mal wissen, ob du die Tipps und Tricks erfolgreich anwenden konntest! 🙂

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