Wie du Vielredner, Quasselstrippen und Plaudertaschen zum Schweigen bringst

Samstag Abend, 19 Uhr. Du bist bei Bekannten auf den Geburtstag eingeladen und freust dich eigentlich auf einen netten Abend. Die Gastgeber gehören zu den Leuten, mit denen du gerne Zeit verbringst und das Essen, was dort in der Regel aufgetischt wird, ist auch nicht von schlechten Eltern. Vor deinem geistigen Auge gehst du die Gästeliste durch, die du auf diesen Events sonst so antriffst und plötzlich realisierst du: “Oh neeeeiiiiiin!!! Susanne, die unsägliche Laberbacke wird auch da sein”. Deine Motivation verpieselt sich umgehend in Richtung Jogginghose und Couch. Allein bei dem Gedanken daran, welche Monologe du dir nachher wieder anhören musst, wirst du schlagartig müde und beschließt, dass Alkohol das Problem wird lösen müssen.  

Ist es nicht Susanne, dann vielleicht wahlweise die typische ältere Dame im Wartezimmer beim Arzt, die dir freundlicherweise vielleicht noch 1-2 Minuten zum Ankommen einräumt, dann aber ausufernd von ihrer Gicht, ihrem Rheuma oder der Politik erzählt, mit der es in Deutschland gehörig den Bach runtergeht. Gerne gespickt mit Wörtern wie „früher“ oder „als ich noch jung war“. Innerlich verfluchst du das Schicksal, dass du mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort warst und schreist „Erzähl‘ es der Parkuhr!!!“ 

Ein beliebter Tummelplatz für diese Art von Menschen sind natürlich auch Meetings, wo man mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf bauen kann, den Quoten-Poser zu finden, der mal wieder beweisen muss, wie gut er doch ausgebildet und wie wertvoll sein Dasein in dieser Gruppe ist. In Gedanken packst du bereits dein Bullshit-Bingo-Blöckchen aus oder bereitest die Einkaufsliste für heute Abend vor. 

Herrlich in unserem eigenen Berufsalltag sind auch immer wieder die Klienten, die nicht müde werden, gleich bei Aufnahme zu betonen, wie sehr sie sich auf das psychotherapeutische Gespräch freuen, in dem sie dann von dir nichts weiter wollen, als 50 Minuten deiner Aufmerksamkeit und gelegentlich ein freundlich-aufmunterndes Nicken. Sehr skurril wird es dann, wenn sie sich am Ende noch für das hoch anregende Gespräch bedanken, das ihnen wirklich sehr viel gebracht habe.  

Ab wann wird es nervig? Nicht jeder Vielredner ist eine Tante Erika 

Prinzipiell ist viel reden an sich nicht sofort ein Problem. Es gibt ja auch Menschen, an deren Lippen wir hängen, weil sie wahnsinnig unterhaltsam sind oder tolle Geschichten zu erzählen haben. So richtig nervig wird es erst dann, wenn wir den Eindruck bekommen, der andere redet nur von sich und greift jedes Stichwort von dir auf, um sofort wieder eine Story von sich zu erzählen. Das geht soweit, dass du schon gar nichts mehr sagen oder gar fragen möchtest, weil jedes Futter unweigerlich bedeuten könnte, dass diese Konversation niemals mehr enden wird. Das wohl unvergesslichste Erlebnis aus dem eigenen Erfahrungsschatz ist hier wohl Tante Erika. Nach einer mehr oder weniger von ihr selbst ausgesprochenen Einladung zum Kaffee dauerte es sage und schreibe 45 (!) Minuten, bevor sie Platz nahm. Schließlich ergab sich ja auf dem Weg zum Tisch schon viel Redestoff, den man unbedingt loswerden muss, nicht dass nachher auch nur ein winziges Detail aus ihrem spannenden Leben verloren gehen könnte. Nachdem wir selbst bereits je zwei Stücke Kuchen verspeist hatten, da der eigene Mund ja anderweitig nicht groß gefordert war, war der Teller von Tante Erika noch fast unberührt. Da wir dem Treffen wohlwissend bereits ein fixes Limit (= ein vorgeschobener, unverrückbarer Termin) gesetzt hatten, endete das Wiedersehen damit, dass bei der Verabschiedung noch schnell die Bemerkung fallengelassen wurde, dass sie hoffe, dass es uns ebenfalls gut gehe. Wo man doch jetzt gar nicht dazu gekommen sei, sich auch darüber auszutauschen. Bedauerlich.   

Warum wir Quasselstrippen so schlecht ertragen 

Anstrengend und teilweise sogar ärgerlich fühlen sich solche Gespräche dann an, wenn wir uns vom anderen übergangen fühlen, weil derjenige scheinbar nur um sich selbst kreist und die Welt des Gegenübers gar nicht wahrzunehmen scheint. Hinzu kommt der Eindruck, dass der andere scheinbar gar kein Interesse an einem hat und regelrecht die eigene Zeit verschwendet. Letztlich ist es auch einfach verdammt anstrengend, ellenlangen Vorträgen aufmerksam zuzuhören, wo die Aufmerksamkeit durchschnittlich bereits nach ca. 20 Sekunden erstmalig abzuschweifen beginnt. 

Die Psychologie einer Plaudertasche  

Wo kommt dieser Drang nun her, den anderen buchstäblich an die Wand zu quatschen? Die Ursache, die wir alle wohl noch am besten ertragen können, ist Unsicherheit im Miteinander, die mit übermäßigem Gequatsche überspielt wird. Getreu dem Motto: Wenn ich pausenlos rede, hat der andere gar keine Zeit zu merken, dass ich vielleicht nicht gar nicht so interessant und allwissend bin, wie ich gerne wirken möchte. In eine ähnliche Richtung geht der Wunsch nach Zugehörigkeit, d.h. durch die Beteiligung an einem Gespräch das Gefühl zu haben, in eine bestimmte Gruppe integriert zu sein. Manchmal geht es auch einfach darauf zurück, dass solche Menschen im Elternhaus diesbezüglich nicht die besten Vorbilder hatten oder es an Möglichkeit mangelte, angemessene soziale Kompetenzen zu entwickeln. Schwierig auszuhalten ist es dann, wenn sich das Gefühl aufdrängt, der andere verfügt über einen enormen Aufmerksamkeits- und Geltungsdrang oder ein großes Kontrollbedürfnis, sodass selbst belanglose Konversationen als Mittel zur Machtausübung missbraucht werden. 

Die gut bekömmliche und garantiert wirksame Patentlösung 

So, und jetzt bitte die Patentlösung, die möglichst noch sozial verträglich und garantiert erfolgsversprechend ist. Eine solche haben wir natürlich nicht. Dafür aber einige Tipps, wie du souverän durch solche Situationen hindurchkommst: 

  • Schon vorher ein zeitliches Limit setzen, z.B. durch einen Anschlusstermin (darf natürlich auch frei erfunden sein, wenn es denn der Sache dient) 
  • Humor nutzen, z.B. „Ach was, das hattest du ja noch gar nicht erwähnt“ 
  • Geschlossene Fragen stellen, auf die nur mit JA oder NEIN geantwortet werden kann und irgendwann das Thema wechseln 
  • Immer wieder das gleiche Statement zum Thema wiederholen (Kaputte-Schallplatte-Syndrom), bis der andere bestenfalls aufgibt 
  • Mit Mimik oder Gestik verunsichern, z.B. durch höchst kritische Blicke 
  • Beharrlich schweigen 
  • Bei einer Redepause ins Wort fallen und der Unterbrechung Nachdruck verleihen, z.B. „Bevor ich vergesse, was ich dazu noch sagen wollte …“ 
  • Ein ehrliches Kompliment machen und damit den Geltungsdrang befriedigen 
  • Mit ehrlicher Begründung oder Wertschätzung ein Stopp-Signal setzen, z.B. „Ich habe leider nur eine Minute Zeit …“ oder „Ich könnte dir zwar noch viel länger zuhören, bin aber leider auf dem Sprung“ 
  • Freundlich nicken und die Zeit gedanklich sinnvoller nutzen 
  • Falls die Beziehung es vertragen kann, den anderen wohlwollend auf das Problem aufmerksam machen, z.B. „So sehr ich dich mag, bei dir habe ich echt Schwierigkeiten, zu Wort zu kommen“ 

Bonus: Ohne Ohrenkrebs durchs nächste Meeting 

Meetings im Unternehmenskontext sind natürlich nochmal eine andere Hausnummer. Hier kommen oft viele spezielle Persönlichkeiten zusammen und der Vielredner ist nur einer unter Mehreren, die die Veranstaltung durch ihre Anwesenheit potenziell sprengen könnten. Zu den typischen Quoten-Figuren, die so ziemlich in jedem Büro vertreten sind, wird es bald einen eigenen Artikel geben. Nun aber einige Kniffe, mit denen du dir in Meetings oder anderen Gruppensituationen am Arbeitsplatz behelfen kannst: 

  • Vorab einen Moderator festlegen, der für das potenzielle Problem verantwortlich ist und versucht, Struktur in den Affenhaufen zu bringen 
  • Spielregeln festlegen (es muss ja nicht gleich der Redestein oder Schweigefuchs sein, aber z.B. keine Diskussionen in das Meeting einplanen) 
  • Passendes Stichwort aufgreifen und damit wertschätzend anknüpfen, z.B. „Sie liefern mir gerade das wichtige Stichwort … 
  • Wesentliche Kerngedanken z.B. am Flipchart visualisieren, um den roten Faden zu bewahren 
  • Handheben und ein sichtbares Stopp-Signal setzen 
  • Den Redebeitrag würdigen und bewusst andere Teilnehmer ansprechen oder das Thema in die Gruppe zurückgeben, z.B. „Mich würde auch noch die Meinung der anderen interessieren“ 
  • Auf die knappe Zeit und die noch sehr lange Themenliste verweisen 

Womit Quasselstrippen uns reich beschenken (viele Wörter mal ausgenommen) 

Egal wie lästig und zeitraubend solche Situationen auch sein können, schlussendlich kann man sie als Herausforderung ansehen, sich selbst in sozialer Kompetenz zu üben und Fertigkeiten wie höfliches Unterbrechen oder effiziente Gesprächsführung zu trainieren. Sie führen uns außerdem noch einmal vor Augen, welch hohes Gut Stille doch ist und wie wohltuend es sich anfühlen kann, sich diese von Zeit zu Zeit ganz bewusst in den Alltag einzubauen. 


Liebe Leserin  Wie bringst du Vielredner zum Schweigen und stille Momente in deinen Alltag? Berichte uns gerne in den Kommentaren von deinen Erfahrungen und Ideen. 

Weiterführende Links zum Beitrag:

Ein bewährter Klassiker mit vielen hilfreichen Tipps auch zum Thema Kommunikation und Gesprächsführung ist das Buch „Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden“ von Dale Carnegie

Als Buchtipp zum Thema Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit empfehlen wir „Die etwas intelligentere Art, sich gegen dumme Sprüche zu wehren: Selbstverteidigung mit Worten – Mit Trainingsprogramm“ von Barbara Berkhan

 

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